Gedenktag der Märtyrer des Völkermords an den Armeniern (1915) – das unendliche Leid der Armenier und wie respektlos Minister Manfred Lucha das Gedenken für Parteipolitik mißbraucht
Der Völkermord an den Armeniern (1915–1923) war die systematische Vernichtung des armenischen Volkes durch die jungtürkische Regierung des Osmanischen Reiches. Unter dem Vorwand des Krieges wurden ab April 1915 fast die gesamte armenische Bevölkerung Anatoliens deportiert, auf Todesmärsche in die syrische Wüste geschickt, massakriert, vergewaltigt und ausgeplündert. Kirchen, Schulen und Dörfer wurden zerstört, Überlebende in Konzentrationslagern wie Deir ez-Zor ermordet. Etwa 1,5 Millionen Armenier wurden getötet – rund zwei Drittel der armenischen Bevölkerung im Osmanischen Reich.
Für Armenier ist dies der größte nationale Trauma der Geschichte: ein geplanter Genozid mit dem Ziel, das armenische Volk aus seiner 3000-jährigen Heimat zu tilgen. Die Leugnung durch die Türkei bis heute wird als Fortsetzung des Unrechts empfunden.
Neben dem Genozid 1915–1923 erlebten die Armenier im 20. und 21. Jahrhundert weitere Vertreibungen durch Aserbaidschan (Aseri-Türken):
- 1988–1991: Während des Karabach-Konflikts kam es zu Pogromen gegen Armenier in Sumgait, Baku und anderen Städten Aserbaidschans. Hunderte Armenier wurden ermordet, Zehntausende vertrieben. Armenische Viertel wurden zerstört.
- 2023: Nach der aserbaidschanischen Militäroffensive gegen die Republik Bergkarabach (Arzach) flohen fast alle der rund 100.000 verbliebenen Armenier innerhalb weniger Tage. Die Region wurde vollständig ethnisch gesäubert. Für Armenier war dies die endgültige Vertreibung aus einer jahrtausendealten Heimat, begleitet von Plünderungen, Zerstörung von Kulturgütern und Kriegsverbrechen.
Das ist eine Fortsetzung des Genozids durch die türkisch-aserbaidschanische Achse: systematische Vertreibung und Auslöschung der armenischen Präsenz in der historischen Heimat.
Die Kranzniederlegung am Gedenkstein für die Opfer des armenischen Volkes

Aus dem Grußwort der Landesregierung, Minister Manfred Lucha (Minister für Soziales, Gesundheit und Integration, Grüne):
Wir alle müssen für dieses respektvolle demokratische Miteinander Verantwortung übernehmen, denn wir spüren das täglich: Demokratie ist kein Zustand, Demokratie ist nie fertig, sie ist immer im Werden und sie ist leider nie auf Ewigkeit garantiert. Das spüren wir gerade, wenn Sie sehen, dass jetzt im deutschen Parlament eine rechtsradikale Partei vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Wir müssen diese demokratische mit der Stärke betonen. Wir sind die Mehreren, ich sage: 18,8 Prozent AfD im Landtag, sind 18,8 Prozent zu viel. Aber die anderen, die demokratische Mehrheit, ist die Mehrheit. Dieses Narrativ des sorgsamen Miteinanders sind wir geboten zu pflegen, denn alle müssen wir zeigen: Rassismus, Diskriminierung, Ausgrenzung Intoleranz hat in Baden-Württemberg keinen Platz. Das tolerieren wir nicht.
Mein Kommentar: „Minister Lucha hat das Grußwort der Landesregierung bei einem Gedenkgottesdienst zum Völkermord an den Armeniern genutzt, um eine politische Attacke gegen die AfD-Fraktion im Landtag zu führen. Die Instrumentalisierung einer Veranstaltung des Gedenkens und der Würde der Opfer für tagespolitische Auseinandersetzungen ist unangemessen und würdelos.
Als Mitglied der Landesregierung unterliegt Minister Lucha dem Neutralitätsgebot. Die einseitige Stigmatisierung einer demokratisch gewählten Oppositionspartei und die Erklärung von fast einem Fünftel der Wählerinnen und Wähler Baden-Württembergs für „zu viel“ überschreiten diese Grenze.
Gedenkveranstaltungen sollten Orte der Erinnerung und des Respekts sein – nicht der parteipolitischen Abgrenzung. Die AfD-Fraktion im Landtag von Baden-Württemberg steht für eine lebendige Demokratie ein, in der abweichende Meinungen nicht ausgegrenzt, sondern argumentativ ausgetragen werden.“

Minister Manfred Lucha (Grüne)

In der Bildmitte: Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan, rechts: Minister Manfred Lucha (Grüne)

Minister Manfred Lucha (Grüne), Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan, Katrin Steinhülb-Joos (SPD)

